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Unlesbare Bilder
Stephan Berg


Unter weißblauen und abend­schweren Himmeln strecken sich Land­schaf­ten, wie sie nur im Bild vor­kom­men kön­nen. Grüne üppige, von türkis schimm­ernden Seen durch­zogene Fabel­welten um­wuchern ruinen­hafte, teil­weise auch vom Meer um­tos­te Archi­tek­turen. Raketen­ab­schuss­rampen, Kriegs­schiffe und U-­Boote stören diese bis­weilen nächtlich-ma­gisch auf­ge­la­de­nen Idyl­len, un­ge­achtet ihrer mar­tiali­schen Be­deu­tung, in­te­res­santer­weise nicht. Wie ein großer, ge­stran­deter Wal liegt das fleckige U-Boot in den Un­tiefen eines spie­geln­den Ge­wässers, eher Teil der Land­schaft als ihr Gegen­part. Und auch die Ra­kete an ihrer Ab­schuss­rampe wirkt fossil ver­stei­nert: Ein skulp­tu­ra­les Sym­bol eines Ge­schosses, das nie mehr flie­gen wird. Peter Dukas nahe­zu immer extrem quer­for­ma­tige, pa­no­ra­ma­ti­sche Land­schafts­bilder spie­len mit Pa­ra­doxien, Rät­seln und un­auf­lös­baren Ge­heim­nissen. Sie ver­tei­di­gen das Bild als Ort ei­ner sub­stan­ziel­len äs­the­ti­schen Er­fah­rung. Einer Er­fah­rung, die sich nicht um­rech­nen lässt in das Soll und Ha­ben prag­ma­ti­scher Real­kal­ku­la­tion, die viel­mehr un­be­rechen­bar und ihrem Wesen nach uto­pisch blei­ben muss. Im Kern ist dies na­tür­lich ein ro­man­ti­sches Pro­jekt, also eines, das von Seh(n)­süchten und ei­nem sich nie er­fül­len­den Be­geh­ren spricht. Die Land­schafts­gär­ten des 18. und 19. Jahr­hun­derts fun­gie­ren da­bei in­so­weit als Fun­da­ment für die Ar­beit, als sich an ihnen eine heiße Kon­junk­tion zwi­schen Bild und Wirk­lich­keit nach­wei­sen lässt. Schließ­lich waren da­ma­li­ge Land­schafts- und Gar­ten­ge­stal­tun­gen eben­so von den Bil­dern be­ein­flusst, die für sie ent­wor­fen wur­den, wie sie an­de­rer­seits oft selbst nach der Idee eines Bil­des ge­stal­tet waren. Anders ge­sagt: Wie nir­gend­wo sonst wird hier die große ur­alte Sehn­sucht des Bil­des er­füllt, Vor­bild für ei­ne Welt zu sein, die sich selbst im Modus des Bil­des ent­wirft. Peter Duka hat diesen Zu­sam­men­hang, ge­mein­sam mit sei­ner lang­jäh­ri­gen Part­ne­rin Caro­line Bitter­mann, in dem 1995 be­gon­ne­nen Pro­jekt „Die Drit­te Kam­mer“ be­ar­bei­tet und in den groß­an­ge­leg­ten „ge­hei­men Gär­ten Rolands­werth“ für das ARP MUSEUM Bahnhof Roland­seck Wirk­lich­keit werden lassen. Als „be­geh­ba­res Bild“ ist die­ser Gar­ten der idea­le Ort ge­wor­den, um die Wirk­sam­keit der Bil­der und die Bild­haftig­keit der Wirk­lich­keit zu über­prüfen. Immer aber ar­bei­tet in die­ser Ma­le­rei da­bei eine kom­plexe Meta­pho­rik, der es da­rum geht, Ideen und Be­griffe als plas­ti­sche Ge­bil­de zu ent­wer­fen, die, un­ge­ach­tet ihrer ver­meint­li­chen Fass­bar­keit, opak und un­durch­dring­lich blei­ben. Der stets frag­men­ta­risch und brü­chig blei­bend­e Kom­po­sit­cha­rak­ter der Ruinen­archi­tek­tur ver­weist nicht nur auf das Ge­mach­te, Kon­struier­te, Künst­li­che, das die­se Sze­na­rien aus­zeich­net. Durch die im­mer wie­der neue Zu­sam­men­stel­lung glei­cher oder ähn­li­cher Ar­chi­tek­tur­ele­men­te zu sur­real an­mu­ten­den Hy­brid­ge­bäu­den wird viel­mehr auch deut­lich, in wel­chem Maß Dukas Ar­chi­tek­tu­ren im ei­gent­li­chen Sin­ne Ideen­ge­bäu­de sind: Tex­turen, de­ren Hori­zont von den bröckeln­den Res­ten ei­ner ge­schei­ter­ten Mo­derne bis zu No­va­lis reicht und in des­sen Be­haup­tung aus sei­nem „All­ge­mei­nem Brouillon“ von 1789, wo­nach „die voll­en­de­te Specu­la­tion zur Na­tur“ zu­rück­führt, sei­ne Er­fül­lung fin­det. Über all dem schwe­ben, auch sie plas­tisch ein­ge­fro­ren, oran­ge­rot leuch­ten­de ba­rocke Schrift­bän­der, aller­dings völ­lig ohne Text. Das ist nur kon­se­quent. Denn die Bil­der selbst sind der Text, der nur, in­dem er un­les­bar bleibt, sei­ne ima­gi­na­ti­ve Kraft ent­fal­ten kann.